Tristesse Sublime

Tausend Dollar für den Duty-Free

Veröffentlicht in Zeitgeschehen by sturmkind58 am April 18th, 2008

Wenn sich hochgradig nervös und befremdlich verhaltende Touristen auf dem internationalen Flughafen von Tripolis in Zukunft ihren flachen Brustbeutel mit Leukoplast über die schweißbeperlte Brust kleben, dann hat das nichts mit Verfolgungswahn oder unbegründeter Paranoia zutun. Nein, ebendiese wagemutigen Individualreisenden mit kosmopolitischem Selbstverständnis – in der Tat, wir sprechen hier vom Tourismusparadies Libyen – müssen bei der Einreise neuerdings mindestens 1000 Dollar oder deren Gegenwert in einer anderen konvertierbaren Währung mit sich führen.

Nachdem der Abenteuerurlauber nach der Landung die Zoll- oder auch Liquiditätskontrolle passiert hat, wird er vermutlich viele warme Willkommensgrüße hören, welche nur in Ausnahmefällen auf uneigennützige Gastfreundschaft schließen lassen. Dass Muammar Al-Ghaddafi seit der Geburtsstunde des internationalen Terrorismus in der weltöffentlichen Wahrnehmung, namentlich Nine Eleven, allen Zweiflern zum Trotz Rückendeckung für Amerikas Recht auf Selbstverteidigung (vor)gibt und sich auch sonst handzahm wie eine Ziege in der Libyschen Wüste verhält, wird unserem Rucksackreisenden jedoch nicht die Angst nehmen, auf der Suche nach einer Unterkunft an der nächsten Straßenecke unweit des Flughafens ausgeraubt zu werden.

Wenn er darüber hinaus neben dem gültigen Visum keine arabische Übersetzung seiner Passdaten bei sich trägt, darf er ohnehin nicht einreisen. Und während man im Allgemeinen Volkskongress schon über andere Möglichkeiten des Konjunkturaufschwungs debattiert, sollte man bei Libyan Arab Airlines vielleicht in Erwägung ziehen, erstmalig Bankautomaten in den Flugzeugen zu installieren. So informierte das Auswärtige Amt über die marginalen Änderungen der Einreisebedingungen zunächst lediglich die Fluglinien, die den Maghreb-Staat anfliegen. Und inshallah findet sich an Bord sogar ein beeidigter Übersetzer, der sich mehr mit der arabischen Sprache als mit so jugendlichem Unfug wie Plastiksprengstoff auskennt.

Wem das alles zuviel Aufwand ist, der kann auch einfach nach Ägypten reisen. Dort kann man für 200 ägyptische Pfund einen Tagesausflug nach Gizeh zu den Pyramiden unternehmen. Eingefleischte Kenner Nordafrikas sollen sogar behaupten, dass dieses Reiseziel um einiges reizvoller sei. 200 ägyptische Pfund sind übrigens in etwa 25 Euro.

Curse - Von Innen nach Außen

Veröffentlicht in Musik by sturmkind58 am April 16th, 2008

Vielleicht das dichteste und kompletteste Deutschrap-Album, dass die Ohren einer breiteren Hörerschaft erreicht hat. Wer Curse heute einen – bitte zurücktreten, das erste Unwort folgt – Ökorapper nennt, hat sich mit „Von Innen nach Außen“ höchst wahrscheinlich nicht im Ansatz auseinander gesetzt. Was vormals die bis auf wenige Ausnahmen jungspundig-wortwitzelnden Genrevertreter allerhöchstens in Ansätzen schafften, tritt hier in einer beispiellosen Konzentration zu Tage: gebündelte Emotionalität, die den Hörer so direkt trifft, dass er sich einer ergriffenen Begeisterung kaum entziehen kann. Dieses Album hört man im Kreis enger Freunde und schaut sich im Bewusstsein aller tragischen Geschehnisse, die das Leben mit sich bringt, wissend in die Augen, ohne dass weitere Worte nötig sind.

Was der gebürtige Mindener da 2001 in der Übergangsphase des deutschen Raps auf dem Weg von den mit Cannabisrauch durchsetzten Hinterhöfen der Spätneunziger auf die bis heute so vielbeschworenen Straßen – Nummer zwei, Unwort der Jahre 2004 bis voraussichtlich 2012 - abgeliefert hat, kann man ohne Umschweife als einen Meilenstein bezeichnen. Ringt dieser Ausdruck dem Leser an anderer Stelle nur ein gelangweiltes Augenrollen ab, ist er in Analogie zum eben beschriebenen Weg allerdings überraschend treffend.

Schon das Eröffnungslied „Denk an mich“ entfaltet sogleich eine hymnische Wirkung und das nicht nur, weil sich hier situationsübergreifend jeder mit seinen ganz eigenen Sorgen angesprochen fühlen darf. Direkt zu Beginn wird jenes Themenspektrum essenziell gebündelt, das sich in den folgenden Tracks stückweise entfalten wird. Es lädt jeden ein und möchte sagen: Hey, das ist das Leben, da stecken wir alle mit drin. So umschreibt „Soulmusic“ als Hommage an die eigene Kunstrichtung mit Unterstützung des wohl bekanntesten der Mannheimer Söhne, Xavier Naidoo, im Prinzip genau das, was der Künstler auf seinem zweiten Studioalbum nach außen tragen will: ungefilterte Seele.

Mag Curse für viele der menschgewordene Herzschmerz und das Trauern um die Verflossene ein Leitmotiv sein, so macht der Mindener recht früh klar, dass jedes noch so berechtigte Einfühlungsvermögen gegenüber Frauen seine Grenzen haben sollte. „Lass uns doch Freunde sein“ bringt wohl das in Worte, was nahezu jeder Mann einmal dem vermeintlich schwachen Geschlecht an den Kopf werfen wollte. Du stehst auf die ganzen Arschlöcher da draußen? Dann heul nicht, wenn du beschissen wirst. Got it? Aber wir wollen keine Missverständnisse aufkommen lassen. Hier ist immer noch ein Meister seines Fachs am Werk, der seiner Königsdisziplin sogar mit zwei Liedern Rechnung trägt, die ihm nicht zuletzt seinen bereits erwähnten Ruf als Rapper von Liebe und Leid eingebracht haben. Während „Viel leichter“ die Kraft von bedingungsloser Zuneigung im Fahrwasser der Erfahrung, von nun an getrennte Wegen gehen zu müssen, mit einer maßlos rührenden Intensität von Gefühlen versucht zu beschreiben, bedient sich „Das wird schon“ einer eher drastischeren Sprache zur Schilderung des Trennungserlebnisses.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Erfahrungen wird der besseren Hälfte im eigenen Leben dann auch in Form von „Süßholz“ ein poetisches Denkmal errichtet, dass nicht nur wegen des symbiotisch perfekt zugrundeliegenden Klanggewands aus den rastlos kreativen Händen des Frankfurter Produzenten Roey Marquis II. eine unnachahmliche Wirkung entfaltet, die in ihrer – ja, man muss das so sagen – Schönheit nahezu beispiellos ist. Ein Höhepunkt, zweifelsohne.

Nicht nur bei der soziodramatischen Liebesgeschichte einer „Wüstenblume“ untermalen die größtenteils soullastigen Instrumentale perfekt die Prägnanz der Verse, die Kraft der wuchtig-rauen Stimme lückenlos die erzielte Wirkung entfalten. Der Chemnitzer Jaleel steuert unter anderem den Beat zu „Familie“ bei, in dem in kleinen Teilgeschichten von Freundschaft als Universalgut des menschlichen Lebens  erzählt wird, in denen sich die verbrüderten Gefährten der benachbarten Raplandschaft wiederfinden, von den Homies aus Kindertagen über Mastering-Allmacht Busy und Diskurskolumnist Hawkeye alias Falk bis zu den ARR-Zöglingen Italo Reno und Germany, von denen letzterer auf „Keiner weiß“ einen durchaus ebenbürtig relevanten Part hinlegt, der selbstreflektierend die nicht immer leichte Kindheit und Jugend aufarbeitet. Der ganz normale Struggle eben, vergiss mal Straßenromantik heutiger Machwerke, ja?

Ganz nebenbei sind dann auch noch drei hochkarätige MCs als Gäste geladen, die auf „Gegenmittel“ und „Cherubim“ mal eben alles zerlegen, was sich da sonst noch am Raphimmel in Bewegung gesetzt hat. Ein erfrischender Savas, der Punchlines und Wortwitz damals noch als Qualitätskennzeichen seiner Musik bezeichnen konnte, sorgt für wohldosierte Abwechslung, ebenso wie die ein Ein-Mann-Armee Azad und Ex-Konkret-Finn-Rapper Tone, dessen Reimtechnik und Versrhythmik bis heute seinesgleichen sucht. Im Epilog steckt der musikalische Protagonist noch einmal mehr Gehalt in drei Lieder, als andere in ihre gesamten Veröffentlichungen. Auch hier geht es um das Leben, um die wirklich wichtigen Themen: „Vertrauen“, „Verantwortung“ und Glauben, Grundsteine des menschlichen Zusammenlebens.

„Schein heilig“ legt an dieser Stelle abschließend noch einmal die monotheistische Weltanschauung des Musikers dar, was sich letztlich auch nur aus jener Erkenntnis speist, die auf „Von Innen nach Außen“ aus jeder Zeile trieft, nämlich die Erkenntnis um das Wesen des Wesentlichen. Herz und Seele als Epizentrum menschlichen Daseins, von dem alle schmerzvollen wie auch befreienden Erschütterungen unserer Existenz ausgehen. In dieser Intensität ist kein Platz für Kitsch. So mächtig jedes einzelne lyrische Fragment ist, so dicht präsentiert sich das Gesamtwerk. Okay, das waren große Worte. Was dieses Album von anderen abhebt? Eine emotionale Offenheit, die nicht versucht, anderen Ansprüchen gerecht zu werden, sondern nur vor sich selbst zu bestehen. Ob das bei den Folgewerken gelungen ist, darüber soll jemand an anderer Stelle schreiben.